Stadtmuseum
Die "Seiffener Stube"
Dauerausstellung in der Wilhelmsburg
Der Leiter des Spielzeugmuseums in Seiffen, Dr. Konrad Auerbach, stellt das traditionelle Holzhandwerk vor und gibt damit zugleich einen Überblick über das, was sie in der Dauerausstellung aus dem Spielzeugmuseum der befreundeten Gemeinde Seiffen/Erzgebirge erwartet:
Spielzeug und Weihnachtsbrauchtum im Erzgebirge: VOM BERGMANN ZUM SPIELZEUGMACHER
In Seiffen wird gedrechseltNoch heute ist die Vorstellung verbreitet, dass der Seiffener Bergmann in seiner Freizeit geschnitzt, gebastelt oder gedrechselt habe und daraus die Spielwarenherstellung entstanden sei. Tatsächlich jedoch war der Übergang vom Zinnbergbau zum Holzhandwerk (und später zur Spielzeugherstellung) keine Angelegenheit von Muse und Freizeit, sondern eine Existenzfrage. Immer dann, wenn der Bergbau ins Stocken geriet, nahm die Anzahl der Drechsler zu. Mit dem weiteren Verfall des Bergbaues wurde das Drechseln zum entscheidenden Beruf. Als produktive Technologie ist es bis heute die vorherrschende Bearbeitungsform im Seiffener Gebiet. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurden neben Gebrauchsgütern zunehmend Spielzeuge gefertigt. Das Geheimnis des Aufschwungs beruht vor allem darin, dass hier ein durch den Bergbau seit Jahrhunderten geprägter Menschenschlag am Werke war; geistig rührig, werklich geschickt, entschlusskräftig, anpassungsfähig, aber auch opferbereit und zäh. Seiffens Entwicklung war kein Einzelfall. Auch andere Dörfer, z. B. der Bergort Pobershau, nahmen eine ähnliche Entwicklung.
STAMM – RING – TIER
Reifendrehen seit 1800Eine Besonderheit der erzgebirgischen Spielzeugfertigung ist das Reifen- oder Spaltringdrehen. Die Eigenart dieses Verfahrens besteht darin, in einem nassen Fichtenholzring (Reifen) mit speziellen Drechslerwerkzeugen die Umrisse einer Figur, zumeist eines Tieres, zu formen. Beim Drehvorgang kann der Reifendreher das Profil noch nicht sehen. Erst nach dem Aufspalten des Ringes wird in seinem Querschnitt die beabsichtigte Gestalt sicht- und überprüfbar. Eine Korrektur ist dann kaum mehr möglich. Reifendrehen verlangt daher hohes drechslerisches und gestalterisches Können, Augenmaß sowie eine ausgeprägte Formvorstellung. Die abgespaltenen 40 bis 60 Rohlinge sind anschließend zu beschnitzen und zu bemalen. Die Technologie des Reifendrehens ist nur in Seiffen und Umgebung beheimatet und wird heute nur noch von wenigen Reifendrehern beherrscht und ausgeübt.
ERZGEBIRGISCHES SPIELZEUG EROBERT DIE WELT
Spielzeughandel und Übersee-ExportHolzwaren aus dem Erzgebirge wurden bereits im 17. Jahrhundert im Haustier- und Wanderhandel vertrieben. Besonders früh brachte man hölzernen Hausrat sowie Spanschachteln von den geografisch günstig gelegenen Dörfern Grünhainichen und Waldkirchen aus zu den Märkten Leipzig und Dresden. Für Seiffen ist überliefert, dass der Drechsler Johann Friedrich Hiemann schon 1699 die Leipziger Messen besucht haben soll. In dieser Zeit war die Stadt Nürnberg bereits zum Umschlagplatz für hölzernes Spielzeug aus verschiedenen europäischen Gegenden geworden. Das niedrige Lohn- und Preisniveau im Erzgebirge und die spezialisierte, qualitätvolle Holzdrechselei im Raum Seiffen machten auch die erzgebirgischen Holzwaren für die Nürnberger Händler interessant. Es entwickelten sich rege Handelsbeziehungen, und von Nürnberg aus gelangten wichtige Impulse in die erzgebirgische Produktion. Verleger kauften die einzelnen Produkte in den Dörfern auf, stellten Sortimente zusammen und verkauften diese gewinnbringend weiter. In dieser Vermittlerrolle hatten die erstarkenden Verlage an der Ausbreitung der erzgebirgischen Spielwaren großen Anteil. Noch vor 1800 gelangten Spielwaren aus dem Erzgebirge als preiswerte, vielgestaltige und unverwechselbare Sortimente in den Welthandel.
KÜNSTLICHE SPEILWAAREN ALLER ARTH
Vielfalt und Breite des Sortiments im 19. JahrhundertDas Sortiment an Spielwaren aus dem Erzgebirge zählte tausende verschiedene Erzeugnisse. Verbreitet waren vor allem bewegliche und klingende Spieldinge, wie Klappern, Klimperkästchen, Fahrspiele sowie Lärm- und Musikinstrumente. Anregungen kamen auch aus anderen Spielzeuggebieten, vor allem aus dem Nürnberger Raum. Neben hohlgedrehten Früchten mit kleinsten Spielminiaturen war es die Schachtelware, die mit ihren thematischen Sortimenten die Vielfalt des erzgebirgischen Angebotes ausmachte. Kindgerecht und belehrend zugleich entsprachen die in Spandosen oder Kisten verpackten Dockenfiguren, Fahrzeuge, reifengedrehten oder massegedrückten Tiere und variantenreichen Haus- und Baumformen der Gefühls- und Erlebniswelt ihrer Zeit. Die erzgebirische Arche Noah war neben anderem ein Exportschlager nach Übersee. Holzsoldaten, Burgen und Baukästen für das Knabenspiel, oder detailreich gefüllte Puppenstuben und Kaufläden für das Mädchen entsprachen dem damals herrschenden Rollenverständnis im Kinderspiel.
WEIHRAUCHDUFT UND LICHTERGLANZ
Kostbarkeiten der weihnachtlichen VolkskunstDie Wertschätzung des Lichtes durch den Bergmann, als Gleichnis für Frömmigkeit und die Wiedergeburt nach getaner Arbeit, ist zum zentralen Weihnachtsthema der bergmännisch geprägten Erzgebirgsweihnacht geworden. Bereits um 1800 schmückten die Erzgebirger ihre Weihnachtsstube mit Leuchtern und Pyramiden. Dieser Brauch gewann nach 1830 wesentlich an Bedeutung, als billigere Stearinkerzen die kostbaren Rüböllämpchen oder Wachskerzen ersetzen konnten. Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Weihnachtsfest zunehmend zu einem Fest der Familie, zu einer volkstümlichen Lichterweihnacht. Dies führte neben der Spielzeugfertigung zu einer bescheidenen Nebenproduktion weihnachtlicher Erzeugnisse, die auf den heimischen Märkten vertrieben wurde. Bald standen gedrechselte Lichterbergleute und Lichterengel in vielen Häusern und gehörten Räu-chermann und Nussknacker zum typischen Weihnachtsschmuck.
ARBEITEN – WOHNEN – LEBEN
Zur sozialen Lage der Spielzeugmacher zwischen 1850 und 1920Für das Spielwarengebiet kennzeichnend ist der Typ des hausindustriellen Spielzeugmachers, der als relativ selbständiger Warenproduzent zumeist nur im Verband seiner Familie im eigenen Haus arbeitete. Das vom ihm erzeugte Endprodukt war sein Besitz, wurde jedoch im Preis und im Absatz durch die Abhängigkeiten vom Groß- und Einzelhändler (Marktsituation) bestimmt. Über Jahrhunderte war der Raum Seiffen ein von geringen Einkommen und bescheidenen Lebensverhältnissen gekennzeichnetes Gebiet. Eine tägliche Arbeitszeit mit durchschnittlich 13 bis 15 Stunden sowie die Mitarbeit von Kindern waren verbreitet. Die Produktivität beruhte vor allem auf einer ausgeprägten Arbeitsteilung und Spezialisierung. Obwohl es kaum organisierte Bewegungen gegen soziale Missstande im Spielzeuggebiet gab, erlangten die gesellschaftlichen Zustande durchaus auch öffentliches Interesse. Der von den Spielzeugmachern 1898 in den Reichstag gewählte Sozialdemokrat Emil Rosenow (1871-1904) schilderte diese Verhältnisse in seiner sozialkritischen Komödie"Kater Lampe".
DIE GANZE WELT ALS MINIATUR
Miniaturspielzeug des beginnenden 20. JahrhundertsBereits vor 1900 deuteten sich gravierende Exportprobleme an. Neben steigenden Holzpreisen bedrohten veränderte Zollbestimmungen die erzgebirgische Spielzeugindustrie. Anstelle von Warenwertzöllen führten wichtige Importländer in kurzer Frist Gewichtszölle ein.Der neue französische Generaltarif von 1881 beispielsweise änderte den Wertzoll von 10% in einen Gewichtszoll von 60 fr. pro 100 kg um. Schweren, sperrigen Großspielzeugen war damit eine Ausfuhr stark erschwert. In Seiffen machte sich besonders der Verleger H. E. Langer damit verdient, den Prozess der Miniaturisierung gefördert zu haben. Nach 1905 hat er verkleinerte Formen von Figuren, Häusern, Fahrzeugen und Zubehör nach "Nürnberger Maß"' auf den Markt gebracht. Genial erwies sich seine Entwicklung, Kleinstspielzeug in einer Zündholzschachtel anzubieten. Zeitgenössische Motive, beeindruckende Miniaturdrechselei, detailgetreue Bemalung und das Vermögen, selbst kleinste Spieldinge meisterhaft zu gestalten, wurden zu einer neuen Stärke der Seiffener Volkskunst.
VOM SCHNITZELN ZUM MÄNNELMACHEN
Volkskünstler im SpielzeuglandAus dem Reigen ungezahlter, zumeist anonym gebliebener Hersteller heben sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts einige wenige hervor, die durch Individualität und gestalterische Besonderheiten öffentliche Aufmerksamkeit erlangten. In ganz persönlicher, origineller Weise formten sie ein Bild ihrer Zeit. Bis heute faszinieren ihre Werke durch ihre schöpferische Naivität oder beeindrucken uns durch technologische Perfektion und künstlerisches Niveau. Ihre Darstellungsformen reflektieren besonders das regionale Brauchtum und die volkskünstlerische Geisteshaltung des einfachen Menschen im Erzgebirge.
GEWERBE – SCHULE – ENTWURF
Ausbildung und kunstgewerbliche GestaltungFortschreitende Industrialisierung, internationale Konkurrenz und Wirtschaftskrisen verschärften immer wieder die wirtschaftliche und soziale Situation im Spielzeuggebiet. Der Krisenbewältigung sollten ab der 2. Hälfte des 19. Jh. auch staatliche Fachgewerbeschulen dienen. Besonders nach der Jahrhundertwende setzten sich verantwortungsvolle Fachleute mit der Tatsache auseinander, dass unter dem Zwang hin zum "Billigprodukt"' die Verbindung zwischen Volkskunst und Gewerbe abzureißen drohte. Technisierung und Rationalisierung brachten Unsicherheiten im Umgang mit den alten Formen der Volkskunst. Selbst Künstler wirkten als Förderer und bahnten mit Neugestaltungen und der Rückbesinnung auf Traditionen einer zeitgemäßen Produktästhetik den Weg. Arbeitsbeschaffung und Ersatzproduktion begleiteten die 30er und 40er Jahre. Zugleich eröffnete die sich ausweitende gewerbliche Produktion weihnachtlicher Gestaltungen ein alternatives Gebiet des Broterwerbs.
TRADITION UND ZEITGEIST
Spielzeug und Volkskunst im Wandel des 20. JahrhundertsZeitgeschmack, wirtschaftliche Zwänge, politische Verhältnisse und wechselnde Wirtschaftsformen prägten das Erzgebirge des 20. Jahrhunderts. Während die entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahre lediglich Quantität und Qualität beeinflussten, erwiesen sich die DDR-Jahrzehnte, der Einsatz von Kunststoffen sowie modische Tendenzen als gravierende Faktoren. Viele Hersteller veränderten in den 60er Jahren ihr traditionelles Holzspielwaren-Sortiment zugunsten kunstgewerblicher und weihnachtlicher Artikel. Die reglementierende Wirtschaftspolitik der DDR, die Verstaatlichung mittelständischer Betriebe (bis 1972), die Bildung von industriellen Großeinheiten (bis 1981) und das staatliche DDR-Außenhandelsmonopol veränderten die Struktur der Spielzeugregion erheblich. Der Export, aber auch die Ausstattung von Kindereinrichtungen sowie der Binnenbedarf bestimmte innerhalb der zentralisierten Planwirtschaft Umfang und Art vieler Erzeugnisse, die Sortimentsvielfalt ging zurück. Ein künstliches Export-, Preis- und Lohngefüge in der DDR tat ein übriges, um den Neubeginn nach 1990 kompliziert zu gestalten.
Ergänzt wird das Angebot durch wechselnde Vitrinenausstellungen.
Zur aktuellen Vitrinenausstellung...
Eintritt:
Der Eintritt in die Seiffener Stube und in das Stadtmuseum ist kostenfrei!
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