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Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit

Eine sehr gelungene Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit erlebte Bürgermeister Holger Menzel im Jahr 2016 bei seiner Premiere als Gastgeber.

Die Veranstaltung im Gebrüder-Busch-Theater war gut besucht und der Musikverein Müsen 1919 e. V. zeigte in großer Besetzung sein Können, obwohl der Verein die beiden Tage zuvor sein Oktoberfest durchgeführt hatte. Auch der Festredner Stefan Engstfeld, Mitglied des Landtages und Europapolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, übertraf in seiner interessanten und abwechslungsreichen Ansprache die Erwartungen.

In seiner Begrüßung hatte Holger Menzel sowohl seine Gefühle zur Wiedervereinigung als auch die politische Bedeutung für die heutige Zeit in den Blickpunkt gerückt.

Mit dem Mauerfall verbindet der Bürgermeister persönlich „Gänsehaut-Momente“, wenn er sich die Fernsehbilder in Erinnerung ruft. Gesellschaftlich hat die Wiedervereinigung aus seiner Sicht zu einer „wegweisenden Änderung der Europapolitik mit einer Öffnung Richtung Osten“ geführt, von der nicht nur Deutschland auch heute noch profitiert. Holger Menzel hatte sich im Vorfeld aber auch seine Gedanken gemacht, warum die jungen Menschen mit der Wiedervereinigung ihres Vaterlandes nicht so viel verbinden wie die älteren Generationen. „Frieden ist selbstverständlich. Freiheit ist selbstverständlich“, brachte der Bürgermeister auf den Punkt, warum sich Jugendliche heutzutage politisch für andere Themen einsetzen und Problemen widmen, wie zum Beispiel dem Klima- und Umweltschutz oder der weltweiten Ungerechtigkeit.

„Wir sind das Volk“ – vier Worte, die die Welt verändert haben!“ (Stefan Engstfeld)

Redner Stefan Engstfeld machte zunächst deutlich, was der Nationalfeiertag für ihn bedeutet: „Der 3. Oktober ist nicht nur ein Feiertag oder freier Tag, sondern damals wie heute für mich ein Freudentag!“ In seiner Ansprache führte er immer wieder aus, warum dies so ist. Zwar haben sich nicht alle Hoffnungen, die mit der Wiedervereinigung verbunden waren, erfüllt („Blühende Landschaften“), aber den Menschen in Deutschland geht es heute besser, nicht allen, aber vielen, so die Überzeugung von Stefan Engstfeld.

Der Landtagsabgeordnete hat aber auch eine neue Spaltung in der Haltung der Menschen ausgemacht: „27 Jahre später scheint Deutschland wieder entzweit. Neue Mauern werden gebaut. Nicht mit Mörtel und Steinen auf der Straße, sondern mit Worten in den Köpfen der Menschen. Gutmenschen gegen Wutbürger. Willkommenskultur gegen Fremdenhass.“ Und an vielen Stellen begegnet uns nach Stefan Engstfeld die Angst, obwohl Deutschland zu den sichersten, reichsten und lebenswertesten Ländern auf der Erde zählt. Sein Vorschlag: „Wir brauchen vielleicht eine neue deutsche Einheit. Die Einheit derer, die nicht in der Angst verharren, sondern einen Aufbruch wagen wollen. Die sich mit Optimismus, mit Hoffnung, mit Zukunftsprojekten und -visionen offensiv der Angst entgegen stellen.

Beispielhaft für diesen mutigen in die Zukunft gerichteten Blick berichtete Stefan Engstfeld dazu aus seinen persönlichen Erfahrungen auf dem Weg zum „Mauerfall“ und zur Wiedervereinigung, einem Aufenthalt im Sommer 1989 in Budapest, Ungarn. Dieses Land ebnete mit seiner Öffnung nach Österreich den Weg für viele damalige DDR-Bürger als Flüchtlinge in die Freiheit. Als jemanden, der seinerzeit während seines Besuches in Budapest persönlich diese Initiative Ungarns ein klein wenig unterstützen konnte, schmerzt ihn die heutige abschottende Flüchtlingspolitik dieser Nation besonders. Ungarn verabschiedet sich aus Europa, weil es vergessen hat, dass Europa „Nehmen“ und „Geben“ bedeutet. Dabei verschwieg Stefan Engstfeld die vielfältigen Probleme und die ernste Lage unseres Kontinents nicht. Beispielhaft nannte er Brexit, Staatsschuldenkrise in Griechenland, die offene Flüchtlingsfrage, den erstarkenden Nationalismus und Populismus in einigen Ländern, die Terrorismusgefahr und nicht zuletzt die Jugendarbeitslosigkeit, die in einigen Nationen fast 50 % beträgt. Dennoch ist Europa für Stefan Engstfeld ein „Sehnsuchtsgebiet“, wie die hohe Zahl der Menschen, der Flüchtlinge, zeigt, die gerne hier leben möchten.

Was wird aus Europa?

„Kann die europäische Union diese Herausforderungen noch meistern?“, fragte Stefan Engstfeld, um gleich anschließend seine Antwort zu geben: „Wir brauchen die EU und ein geeintes Europa in unserer globalisierten Welt! Denn Europa ist ein Garant für Frieden, Freiheit und Demokratie. Wir haben die fürchterlichen Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht vergessen. Wir wissen aus welchen Ruinen Europa entstanden ist, nämlich aus den Ruinen des fatalen Nationalsozialismus, des Holocaust und der Teilung des Kontinents. Das dürfen wir nicht wieder zulassen. Wir wollen keine Schlagbäume, Zäune und Grenzen mehr, sondern Gemeinsamkeit und gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme.“

Allerdings machte der Europapolitische Sprecher seiner Fraktion auch sehr deutlich, dass die Europäische Union reformiert werden muss. Als erste Schritte dafür sieht er an, „den Menschen besser zuzuhören und mehr Mitbestimmung zuzulassen“. Und gerade mit Blick auf die Städte und Gemeinden wie Hilchenbach betonte Stefan Engstfeld, dass man der kommunalen Selbstverwaltung wieder mehr Beachtung schenken sollte: „Die Daseinsvorsorge für die Bevölkerung findet vor Ort statt. Viele Entscheidungen sollten daher auch in den Städten und Gemeinden getroffen werden. Aufgabe der EU ist es, dafür gute Rahmenbedingungen zu schaffen.“

Davon ausgehend, dass diese notwendigen Veränderungen gelingen, hatte Stefan Engstfeld einen Wunsch: „1989 hieß es ‚Wir sind das Volk‘. 2016 rufen wir ‚Wir sind Europa‘!“ Diesmal nur drei Worte, die ebenfalls die Welt verändern können.

Dass Stefan Engstfeld seinen Zuhörerinnen und Zuhörern aus dem Herzen sprach, wurde daran deutlich, dass diese immer wieder einmal spontan applaudierten. Auch der langanhaltende Beifall am Ende seiner Rede, belegte, dass Hilchenbach mit dieser Feierstunde wieder einen interessanten Beitrag zur Deutschen Einheit geleistet hatte.

Für den würdigen musikalischen Rahmen sorgten die Musikerinnen und Musiker des Musikvereins Müsen unter der bewährten Leitung von Dirk Setzer. Auch bei den von ihnen vorgetragenen Werken war mit „Eventide Fall“ von Alfred Bösendorfer und dem „Florentiner Marsch“ von Julius Fucik Abwechslung angesagt. Den offiziellen Schlusspunkt der gelungenen Feierstunde bildete traditionell die kräftig mitgesungene Nationalhymne, bevor der Musikverein den Gästen als Zugabe noch „Die gute Reise“ mit auf den Heimweg gab.