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Tag der deutschen Einheit

Bemerkenswerte Feierstunde zum Tag der deutschen Einheit

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“; dieser Satz war der Auftakt der Feierstunde zum Tag der deutschen Einheit im Gebrüder-Busch-Theater. Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Stift Keppel hatten sich auch diesem Jahr wieder etwas Beeindruckendes einfallen lassen. Unter der Leitung ihrer Literaturkurslehrerin Maja Röder begleiteten sie die Feierstunde mit zwei Aufführungen.

Das Akkordeon Orchester Siegerland umrahmte die Veranstaltung mit passenden musikalischen Stücken.

Die Begrüßung übernahm Bürgermeister Holger Menzel, der in seinem ersten Satz deutlich machte, dass diese Feierstunde nicht abgeschafft werden sollte. „Wir feiern heute Geburtstag!“, so Holger Menzel. Außerdem betonte er, dass der Weg zur Einheit nicht immer einfach war. Aus heutiger Sicht sind die ersten Wege vielleicht die richtigen, aber nach einiger Zeit stellt sich heraus, dass diese falsch sind. Dennoch war und ist das wichtigste, das das Ziel erreicht wird. Das Ziel der Einheit Deutschlands. 

Danach zeigten die Schülerinnen und Schüler die Situation vor dem Mauerfall. Wie war das damals? Wie ist das abgelaufen, wenn Leute versuchten über die Grenze zu kommen?

Sinnbildlich stellten die Jugendlichen sich als eine Mauer dar. Davor lief ein junger Soldat mit Maschinengewehr Patrouille, der ein Mädchen erschoss, welches versuchte über die Grenze zu kommen. Außerdem wurde die bekannte Pressekonferenz vom 9. November 1989 nachgespielt, in der Günter Schabowski die Regelung trifft, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR aus- oder einzureisen.

Als nächstes stand die Festrede von Martin Wittig, Bürgermeister der Gemeinde Seiffen im Erzgebirge auf dem Programm. Die Gemeinde Seiffen und die Stadt Hilchenbach pflegen eine Städtefreundschaft. Aus diesem Grunde freute sich Martin Wittig über die Anfrage, ob er die Festrede im Gebrüder-Busch-Theater halten könnte.

Zu Anfang erzählte er über seine eigenen Erfahrungen und persönlichen Erlebnisse in der DDR. Im Herbst 1989 war Martin Wittig 16 Jahre alt. In seiner Heimatstadt Marienberg war es die Kirche, die oppositionellem Denken eine Zuflucht bot. Er konnte sich noch genau an die erste Montagsdemonstration erinnern, die mit einem Gottesdienst begann. Während des Gottesdienstes habe er auch als Jugendlicher gespürt, hier passiert gerade etwas. Etwas, was das Leben verändert und was die Staatsführung nicht ungeschehen machen konnte. „Die Worte waren gesagt, das eigentlich unmögliche gewagt“, so Martin Wittig zu Beginn seiner Rede. Im Weiteren erzählte er von dem Demonstrationszug der einen Umweg durch die ganze Stadt machte: „Wir haben schweigend brennende Kerzen vor dem Gebäude der SED-Kreisleitung und der Zentrale der Staatssicherheit aufgestellt“. Bis heute fragt sich Martin Wittig, was in den Leuten, die hinter dem Fenster standen, vorgegangen ist. Mit Parolen wie „Wir sind das Volk“, aus dem später „Wir sind ein Volk“ wurde, zogen die Demonstranten durch die Stadt. Auch heute erscheint ihm das alles noch wie ein Wunder.

„Wo stehen wir heute in Deutschland, wo stehen wir mit Deutschland in Europa?“, fragte Martin Wittig in die Runde. Heute ist es anders als vor 28 Jahren, vieles hat funktioniert, vieles nicht. Er erzählte über die Landschaften, die infrastrukturellen Probleme, Solidarität, aber auch über die Meinungsfreiheit. Diese ist geblieben, aber wie viel sollte toleriert werden. Freiheit schließt Verantwortung mit ein. An der Hochschule hat der Professor für Staatsrecht einmal gefragt, was das Grundgesetz sei. „Das Grundgesetz ist ein Stück Papier. Es ist wehrlos und schutzlos, es ist ein Stück Papier. Was es zum Grundgesetz macht, sind die Werte, sind die Institutionen, die darin beschrieben werden und vor allem sind es die Menschen, die diese Werte leben, die in und für diese Institutionen arbeiten, die daran glauben, dass das, was sie tun, das richtige ist und die es schützen“, so Martin Wittig. Er ist heute noch betroffen über die Worte, von seinem Professor, aber der hatte Recht, es stimmte.

Martin Wittig zeigt auf, dass wir in Ost-Deutschland eine Monarchie, eine Demokratie, eine Diktatur und sogar eine zweite Diktatur gehabt haben. Nach nunmehr 28 Jahren haben wir in einem wiedervereinigten Land erneut eine Demokratie als Herrschaftsform. Außerdem haben wir bis jetzt die längste Epoche in Deutschland und Europa von Frieden sowie Stabilität. Europäische Staaten aneinanderzubinden und so weitere Kriege zu verhindern, kam durch die Idee, wirtschaftliche Verflechtungen zu schaffen. „Dennoch“, sagt Martin Wittig, „bei allem, was sicherlich verbesserungswürdig wäre, was mir oft in den Diskussionen fehlt, ist der Grundgedanke Europas- die Friedenssicherung.“ Darüber hinaus wünscht sich Martin Wittig, dass in Deutschland mutiger für Europa eingetreten wird, dass Zusammenhänge besser oder überhaupt erst einmal erklärt werden. Es wird ein starkes Europa gebraucht, vor allem zur Sicherung der guten nachbarschaftlichen Verhältnisse. Vor 70 Jahren hatte wohl kaum jemand geglaubt, dass so eine Verbindung entstehen würde. Doch es muss erarbeitet, geschützt und wertgeschätzt werden, um das alles überhaupt zu erreichen.

Was für verheerende Folgen das haben kann, wenn Menschen manipuliert und instrumentalisiert werden, musste der Bürgermeister aus Seiffen mit eigenen Augen sehen. 1999 war er als Soldat im Kosovo und hat mit angesehen wie Menschen, die früher sehr gute Nachbarn waren, sich gegenseitig mit Hass überschüttet haben. „Menschen sind nicht von Natur aus aggressiv, sie werden dazu gemacht“, erzählte Martin Wittig über die Zeit im Ausland. Was er damit sagen will, wird ganz deutlich in dem Satz „Worte können zerstören - oder auch nicht!“ Das Wichtigste ist miteinander zu reden, sich mit dem Gegenüber auseinandersetzen. Worte können auch helfen, sie können Brücken bauen, hochgekochte Emotionen befrieden und auf eine Basis zurückführen, auf der Gespräche wieder möglich sind. Weniger erfolgreich ist das demonstrative Nicht-Miteinander-Reden.

Auf diesem Wege leitete Martin Wittig seine Gedanken und Zuhörer wieder nach Deutschland. Das Land scheint gespalten und ist es wohl in Teilen auch unter anderem in Migrationsbefürworter und -Gegner. Es muss auch andere Möglichkeiten anstatt der Ausgrenzung geben. Martin Wittig sagt deutlich, „das heißt für mich, dass wir dringend miteinander reden müssen! Wir müssen nicht alle einer Meinung sein, aber der gegenseitige Respekt und der Respekt Dritten gegenüber, die sich nicht wehren können, den sollten wir wieder herstellen. Und das schnell.“ Die Menschen sollten dort abgeholt werden, wo sie nun einmal sind. 

Deutschland kann noch mehr unternehmen, sei es in der Wirtschaftskraft oder in Forschung und Bildung. Nur muss auch etwas getan werden, denn es sind die Bürgerinnen und Bürger, alle Menschen, deren Wille entscheidet, was zugelassen wird und wie sie und ihre Kinder morgen leben werden. 

Martin Wittig hielt eine beeindruckende und fesselnde Rede, für die er auch mit langem Applaus belohnt wurde.

Im Anschluss zeigten die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Stift Keppel, wie die Situation nach dem Mauerfall aussah. Sie zeigten wie Gruppen von Menschen auf die Mauer zuliefen und die Soldaten den Befehl bekamen, die Grenzübergangspunkte zu öffnen. Ein leichtes Schmunzeln bekam die Szene, als der Befehl über einen Anruf kam und die verdutzten Soldaten ihre Patrouille abbrachen, um, als wäre es wie selbstverständlich, die Mauer zu öffnen.

Das Akkordeon Orchester Siegerland unterstrich die Rede von Martin Wittig sowie die Aufführung der Jugendlichen mit dem Lied „We are the World“ von Michael Jackson.

Im Anschluss dankte Bürgermeister Holger Menzel allen Mitwirkenden und Helfern. Ein großes Lob ging an die Schülerinnen und Schüler, die mit wenig Mitteln viel erreichten und zeigten. Außerdem lobte Holger Menzel auch seinen Bürgermeisterkollegen Martin Wittig mit den Worten: „Sie haben mich wirklich begeistert. Respekt!“

Als Abschluss spielte das Akkordeon Orchester unter der Leitung von Wolfgang Hauptmann die Nationalhymne und das Publikum stimmte ein.

Rechts in der Randspalte erhalten Sie die komplette Rede von Bürgermeister Martin Wittig aus Seiffen/Erzgebirge zum Nachlesen als Download-Datei.